Rede der Hoffnung - Am 6. September 1946 wird in Stuttgart Weltpolitik gemacht




Dr. Reinhold Weber

 

„Das amerikanische Volk wünscht, dem deutschen Volk die Regierung Deutschlands zurückzugeben. Das amerikanische Volk will dem deutschen Volk helfen, seinen Weg zurückzufinden zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt.“

 

Mit diesen eindringlichen Worten beendete der US-amerikanische Außenminister James Francis Byrnes (1879–1972) am 6. September 1946 im Stuttgarter Großen Haus seine Rede der Hoffnung („Speech of Hope“). Sie sollte einen Wendepunkt in den deutsch-amerikanischen Beziehungen markieren. Vier Tage später, am 10. September 1946, reagierten die drei Ministerpräsidenten der amerikanischen Besatzungszone Karl Geiler (Hessen), Wilhelm Hoegner (Bayern) und Reinhold Maier (Württemberg-Baden) mit einer Erklärung: „Was er in dieser Rede (...) ausgeführt hat, hat uns neuen Mut und neuen Antrieb für die schwierige und verantwortungsvolle Aufbauarbeit gegeben, in der wir stehen.“ Die Rede des US-Außenministers hatte weltpolitische Bedeutung, aber gleichermaßen auch Auswirkungen auf die konkrete Situation vor Ort, denn geradezu wie in einem Brennglas bündelten sich auch im deutschen Südwesten die Probleme der Nachkriegszeit.

 

Die Situation im Südwesten

Man muss sich die Lage in diesen Spätsommerwochen 1946 vor Augen führen, um die „Rede der Hoffnung“ in ihrer Bedeutung einordnen zu können. Die südwestdeutsche Bevölkerung lebte in der Zusammenbruchsgesellschaft der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die alltäglichen Sorgen um vermisste Angehörige, um Nahrung, Wohnung und Kleidung hielten die Menschen in Atem. Allein zwischen Februar und Oktober 1946 trafen in Württemberg-Baden über 400.000 Flüchtlinge ein, die in den zerstörten Städten untergebracht werden mussten und die auch den Einheimischen die ganze Tragweite der Vertreibung drastisch vor Augen führten. Als Byrnes in seiner Rede darlegte, Deutschland solle kein Armenhaus sein, sondern sich zukünftig wirtschaftlich selbst erhalten können, wussten die Zeitgenossen noch nicht, dass mit dem Hungerwinter 1946/47 einer der härtesten Winter des Jahrhunderts bevorstand, aber ein Hoffnungsschimmer in desolater Situation war es allemal.

Die „große“ Politik der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigte sich gerade auch vor Ort. Während in Nürnberg im September 1946 das Internationale Tribunal über die Bestrafung der noch lebenden ranghöchsten Nazis beriet, kam vor allem in der US-amerikanischen Besatzungszone die Entnazifizierung der „kleinen Leute“ in Gang. Die Verbitterung über die bürokratische und schematische „politische Entlausung“ drohte rasch in eine Belastung für die neu entstehende Demokratie umzukippen. Die Amnesie der Gesellschaft dominierte die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit.

Hinzu kam die wirtschaftlich wie historisch-kulturell völlig sinnlose Teilung des Südwestens in die drei alliierten Kunstprodukte Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und (Süd-)Baden, die als besondere Belastung empfunden wurde. Als Byrnes in seiner Rede die Frage der Wirtschaftseinheit Deutschlands oder zumindest die Einheit von zwei oder drei der alliierten Besatzungszonen ansprach, stand auch hier bei den Hörern und Lesern der vielbeachteten, im Rundfunk und durch Abdrucke verbreiteten Rede die Hoffnung im Mittelpunkt. Auch wenn es noch einige Jahre bis zur Gründung der halbsouveränen Bundesrepublik und bis zum Wirtschaftswunder dauern sollte – die Rede des US-Außenministers gab dem Optimismus eine greifbare Grundlage.

 

Der weltpolitische Hintergrund

Stuttgart war als Ort der weltpolitisch bedeutenden Rede keinesfalls beabsichtig gewesen. Vielmehr ist es dem Drängen des Militärgouverneurs der amerikanischen Besatzungszone, General Lucius D. Clay (1897–1978), zu verdanken, dass Byrnes nicht, wie ursprünglich vorgesehen, im Hochsommer 1946 in Paris vor dem Rat der Außenminister der alliierten Mächte auftrat, sondern dort, wo der Länderrat der US-amerikanischen Zone seinen Sitz hatte, in Stuttgart also.

Wie aber ist die Rede weltpolitisch einzuordnen? Ein Rückblick mag die Situation verdeutlichen: Auf der Konferenz von Potsdam hatten sich die Siegermächte auf die weitere Behandlung Deutschlands geeinigt. Die endgültige Festlegung der Zonengrenzen, die Errichtung des Alliierten Kontrollrates für Deutschland in Berlin – die Schaffung eines gemeinsamen Lenkungsinstrumentes also, das aber einstimmig zu entscheiden hatte – sollten die Mittel zur einheitlichen Verwaltung Deutschlands sein. Eine definitive Teilung Deutschlands gehörte nicht zum Programm der Sieger. Die deutsche Wirtschaft, ausgenommen die Landwirtschaft, sollte auf einem möglichst geringen Niveau gehalten werden, auch wenn der US-Militärregierung rasch klargeworden war, dass die Agrarbasis viel zu schmal war, um den Deutschen ein Existenzminimum zu sichern. Zwar legten die US-Amerikaner Wert auf freie Meinungsäußerung, aber im ersten Besatzungsjahr hatten sie doch auch die Deutschen spüren lassen, welche weitreichenden Absichten mit der Besatzung verbunden waren: Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Bestrafung der Schuldigen am Weltkrieg und an den NS-Gräueltaten, Wiedergutmachung und Demokratisierung durch „Umerziehung“.

Erst im Laufe des Jahres 1946 bewog die Uneinigkeit der Siegermächte die USA zu einer allmählichen Kurskorrektur in der deutschen Frage. Der Ost-West-Konflikt, der in zwei Jahren mit der Blockade Berlins seinen Höhepunkt auf deutschem Boden finden sollte, warf bereits seine Schatten voraus. Die wirtschaftlichen Probleme verschärften den Gegensatz zwischen den Großmächten USA und UdSSR. So hatte der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow auf der Pariser Konferenz der Außenminister im Sommer 1946 zwar ein vereintes Deutschland unter einer Viermächte-Kontrolle angeboten, gleichzeitig aber auf immensen Reparationszahlungen aus den westlichen Besatzungszonen an die Sowjetunion beharrt. Die Franzosen wiederum hatten gefordert, das Ruhrgebiet einer internationalen Kontrolle zu unterwerfen. So war die erklärte Absicht des Potsdamer Abkommens, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln, nicht zu verwirklichen. Das Scheitern der Pariser Konferenz machte deutlich, dass an eine gemeinsame Politik der alliierten Mächte nicht mehr zu denken war. Die rücksichtslose Ausschaltung aller nichtkommunistischen Kräfte in den Ländern der sowjetischen Besatzungszone tat das Ihre, einen Keil zwischen die Alliierten zu treiben. Schon im März 1946 hatte Winston Churchill in Fulton, Missouri, erstmals öffentlich vom „Eisernen Vorhang“ gesprochen, um die Machtsicherungstechniken der Sowjetunion zu beschreiben.

Die Rede von James F. Byrnes, die auf einem Entwurf von General Clay basierte, war die Antwort der Vereinigten Staaten auf das Scheitern der Pariser Außenministerkonferenz. Jetzt sollten von amerikanischer Seite aus in der deutschen Frage die Karten auf den Tisch gelegt werden. Die Rede markierte den Wandel in der amerikanischen Deutschlandpolitik und signalisierte zugleich, dass sich die Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone offenbar bereits außerhalb des Blickfeldes der westlichen Alliierten befanden. Byrnes kündigte die Vereinigung der britischen mit der US-amerikanischen Besatzungszone an, die am 2. Dezember 1946 dann in New York mit der Unterzeichnung des Fusionsabkommens ihren formalen Abschluss fand. Außerdem sollten deutsche Zentralbehörden in der „Bizone“ fortan die politische Verantwortung tragen.

Seine Kritik an den Vorstößen Frankreichs und der Sowjetunion gegen die Beschlüsse von Potsdam verband Byrnes mit der Absichtserklärung, dass die amerikanischen Truppen für die Dauer des Wiederaufbaus Deutschlands auf dem Kontinent bleiben würden – anders als nach dem Ersten Weltkrieg also. In aller Deutlichkeit sprach er sich weiterhin dafür aus, dass Deutschland keine „Schachfigur“ oder gar ein Teilnehmer in einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West sein würde.

Die Würfel waren gefallen – die Rede wurde als sensationell empfunden: Die Bildung eines Weststaates zeichnete sich ab. Da sich die Alliierten über die Zukunft Deutschlands nicht hatten einigen können, blieb nur die Teilung des Landes übrig. Als im März 1947 die Truman-Doktrin die Gefährlichkeit des Sowjetkommunismus beschwor und die Eindämmungspolitik („containment“) der USA einläutete und wenig später der Marshall-Plan mit wirtschaftlichen Mitteln die Freiheit verteidigen sollte, war der Weg in die Konfrontation des Kalten Kriegs beschritten.

 

Hoffnung für Deutschland

Die Rede von James F. Byrnes war vehementer Ausdruck der Neuorientierung der amerikanischen Deutschlandpolitik. Erstmals seit Kriegsende hörten die Deutschen ermutigende Worte, untermauert durch das in der Rede immer wiederkehrende Wort „Hoffnung“. An die Stelle der anfänglich feindseligen Behandlung des deutschen Volkes sei, so Byrnes, eine wachsende Hilfs- und Verständigungsbereitschaft getreten. Ferner sollte dem deutschen Volk „innerhalb ganz Deutschlands die Hauptverantwortung für die Behandlung seiner eigenen Angelegenheiten bei geeigneten Sicherungen übertragen werden“. Kurzum: Die aufsehenerregende Rede ebnete den Deutschen den Weg in eine teilweise Selbstständigkeit und in die westliche Staaten- und Wertegemeinschaft. Vierzig Jahre aber sollte es dauern, bis Deutschland wiedervereint und souverän sein sollte.

 

 

Dr. Reinhold Weber M. A. ist Historiker und Referatsleiter bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, wo er die „Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs“ betreut.