Rhein-Neckar-Zeitung, Samstag 7. September 1946, Titelseite




Richtungsweisende Rede Byrnes in Stuttgart

USA für Frieden und Freiheit Deutschlands

 

Vereinigte Staaten werden sich nicht wieder aus der europäischen Politik zurückziehen – Ein Nationalrat als deutsche Zentralregierung gefordert – USA und die deutschen Grenzen – Kritik an der Durchführung der Potsdamer Beschlüsse

 

„H.K. Im Staatstheater unserer Landeshauptstadt Stuttgart sprach gestern der Minister des Auswärtigen der Vereinigten Staaten von Amerika, James F. Byrnes, zu den Vertreter der amerikanischen Besatzungsmacht und Vertretern der deutschen Öffentlichkeit.

 

Die Rede wurde gleichsam in den Mittelpunkt eines Besuchsfestes hingestellt, das der Staatsmann seinen Soldaten und Landsleuten auf deutschem Boden bereitete.

 

Der prächtige Saal des Staatstheaters war gefüllt von allen Chargen der amerikanischen Armee und den Damen ihrer Gesellschaft. Die Männer aller deutschen Länder und Verwaltungen in der amerikanischen Zone waren anwesend, die Oberbürgermeister der großen Städte, kirchliche Würdenträger, Presse und Film. Unter den zahlreichen Uniformen sah man auch diejenigen der Sowjetmacht.

 

Die Klänge eines amerikanischen Militärkonzerts steigerten die festliche Spannung, bis auf der mit Blumen farbenprächtig geschmückten und blenden strahlenden Bühne der Staatsmann mit seinem engeren Gefolge erschien.

 

Zu seiner Begleitung gehörten Herr und Frau Connaly, demokratischer Senator von Texas, Herr und Frau Vandenberg, republikanischer Senator von Michigan, Mr. Ben Cohen, Sekretär des Ministers, Mr. Freeman Mathews, Chef der europäischen Abteilung des Außenministeriums, Mr. Philip Graham, Herausgeber der „Washington Post“, sowie die bekannte Journalistin Mrs. McCormick und ihr Gatte.

 

Der Minister kam als schlichter und vornehmer Bürger seines Landes, und wie die Amerikaner ihren Umgang mit stolzem Selbstgefühl und ungezwungenem Freimut pflegen, so spürte man bei allen die innere Anhänglichkeit und heimatliche Freude, die dieser Besuch in ihnen erweckte.

 

Für uns Deutsche aber bedeutete dieser Besuch ein historisches Ereignis. Aus den Worten dieses Mannes sprachen die Ruhe und die Kraft eines mächtigen Volkes, das in weltweitem Land über Arbeit, Fleiß und Reichtum sich zu ganz festen Begriffen von Freiheit und Frieden durchgerungen hat.

 

Die Männer dieses Volkes bestimmen heute über unser zerbrochenes Dasein, und sie sehen in dieser Arbeit die Aufgabe, nicht nur uns, sondern der Welt zu einem Frieden zu verhelfen, der auf festerem Grund gebaut sein soll.

 

Was die Rede im einzelnen verkündete, gibt uns – eineinhalb Jahre nach unserer beispiellosen Hitlerniederlage – allen Grund, in Ehrfurcht und Vertrauen innezuhalten.

 

Die Rede schenkt uns Hoffnung zu neuem Leben.“

 

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