Die Welt, Dienstag 10. September 1946, Titelseite




Weltwiderhall der Byrnes-Rede

Erklärungen aus den Hauptstädten - Neue Grundlage für Deutschland

Hamburg, 9. September

 

Die Stuttgarter Rede Außenminister Byrnes' hat einen weltweiter. Widerhall gefunden, der von Zustimmung in England und Amerika bis zur schärfsten Ablehnung in Polen und der Tschechoslowakei reicht. Die drei Ministerpräsidenten der amerikanischen Zone erklärten, sie erblickten In der Rede eine neue Grundlage für die Zukunft Deutschlands.

 

Ein Sprecher der britischen Regierung erklärte am Freitag, daß Großbritannien im allgemeinen den Ausführungen Byrnes' zustimmen könne, besonders seinen Empfehlungen einer wirtschaftlichen Verschmelzung aller Besatzungszonen. Er betonte jedoch, daß die Rede Byrnes' keine gemeinsame Erklärung darstelle und daß sie nicht in allen Punkten dem britischen Standpunkt entspreche.

 

Die „Times” bezeichnet die Byrnes-Rede als „vielleicht bedeutsamste Einzelerklärung über die alliierte Politik gegenüber Deutschland seit dem Potsdamer Abkommen”. Zur Frage der deutschen Ostgebiete schreibt die „Times“: „in Potsdam haben sich alle drei Mächte dahingehend geeinigt, daß die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens erst nach einem Friedensschluß erfolgen könne. Nun teilte Byrnes mit, daß die Regierung der Vereinigten Staaten sicherlich eine Revision der alten Grenze zugunsten Polens befürworte, damit aber nicht notwendigerweise die Oder-Neiße-Linie unterstütze.

 

In dieser Hinsicht”, fährt die „Times” fort, „hat sich die amerikanische Politik festgelegt. Bevor eine Entscheidung fällt, sollten sich kluge und weitsichtige Polen überlegen, ob den Interessen ihres Landes nicht am besten gedient wäre, wenn sie unter allgemeiner Zustimmung einen Teil des früheren deutschen Gebietes aufgäben, das sie jetzt verwalten, und ob Polen überhaupt in der Lage ist, den Reichtum und die Produktivität der weiten Ackerbaugebiete zu bewahren, die es von Deutschland erhalten hat.”

 

„Daily Herald” schreibt, man müsse in der Rede Byrnes' den Versuch sehen, die Sackgasse zu überwinden, in der sich die Besatzungsmächte befänden.

 

Polen lehnt ab

Die polnische Reaktion auf die geforderte Revision der deutsch-polnischen Grenze ist ablehnend. 2000 Personen demonstrierten vor der Amerikanischen Botschaft. Der stellvertretende Präsident Gomulka erklärte auf einer Massenversammlung: „Polen Ist berechtigt, von den westlichen Alliierten eine ständige Unterstützung der neuen polnischen Grenzen entlang der Oder und Neiße zu verlangen.” Das polnische Regierungsorgan „Zyczie Warzawy” schreibt: „Die Rede Byrnes' Ist dem polnischen Volk feindlich und dem Weltfrieden abträglich. Das polnische Volk nimmt sie ruhig in dem Bewußtsein auf, daß sich nichts ändert und daß die sowjetischen Truppen westlich der Oder ebenso denken wie wir.“

 

Die sowjetische Presse veröffentlicht einen summarischen TASS-Bericht. Vor allem wird diejenige Stelle in der Rede Byrnes gebracht, in der der amerikanische Außenminister erklärte, daß die amerikanischen Truppen an der Besetzung teilnehmen würden, solange diese Besetzung überhaupt dauere. Unterstrichen wird ferner die Bereitschaft der USA, Königsberg an die Sowjetunion abzutreten.

 

USA einverstanden

Die meisten amerikanischen Blätter stimmen der von Byrnes vertretenen Politik nachdrücklich zu. Einiger Skeptizismus macht sich nur darüber geltend, ob die aufgestellten Ziele erreicht werden können.

 

Die „New York Times” schreibt: „Die Ausführungen Byrnes stellen einen Appell an das Rußland vom September 1946 dar, sich des Rußlands vom August 1945 zu erinnern. Unsere Haltung gegenüber Deutschland weicht notwendig von der russischen Haltung ab. Aber auch Moskau kann aus unserer Einstellung Vorteil ziehen. Die Alternative zu einem geeinten, produktiven und friedfertigen Deutschland ist ein geteiltes Deutschland, das mehr und mehr von zwei militärischen Systemen aufgesogen würde. Wir schlagen dagegen ein Deutschland vor das auf die Dauer eine Brücke zwischen dem Osten und Westen bildet und nicht ein Niemandsland, in dem gegnerische Schützengräben ein geisterhaftes Dasein führen”

 

Starke Kritik in Paris

Die Pariser Presse übt an der Rede des amerikanischen Außenministers starke Kritik. „L'Humanité” schreibt: „Wenn man Byrnes hört, fragt man sich, wer den Krieg verloren hat.” Die „Front National” hält die Erklärung Byrnes' für eine Bedrohung der französischen Sicherheit. Ein Sprecher des französischen Außenministeriums erklärte die Einrichtung einer vorläufigen deutschen Zentralregierung als „vorzeitig und vage”.

 

Unter den negativen Stimmen der tschechischen Presse heißt es in der „Rudo Pravo“: „Die deutschen Grenzen an der Oder sind auch unsere Grenzen, und dennoch bezeichnete sie Byrnes nur als vorläufig. Die Tschechoslowakei wird sich jetzt mehr denn je an ihre slawischen Verbündeten halten müssen, denn zwei dieser slawischen Staaten sind Nachbarn Deutschlands.“

 

Deutsche Stimmen

Hamburg, 9. September

 

Im Anschluß an die Rede von Außenminister Byrnes gaben die drei Ministerpräsidenten der amerikanischen Zone, Dr. Wilhelm Hoegner, bayrischer Ministerpräsident, Prof. Karl Geiler, Ministerpräsident Großhessens, und Dr. Karl Meier, württembergisch-badischer Ministerpräsident, den alliierten und deutschen Pressevertretern ein Interview.

 

Die Ministerpräsidenten gaben der Rede Byrnes' ihre volle Zustimmung. Die Erfüllung der Wirtschaftseinheit, die Lösung der Währungsprobleme und die Feststellung der Friedensbedingungen gäben dem politischen Leben Deutschlands eine neue Basis.

 

Der Plan eines Nationalrates ziele darauf ab, eine oberste Instanz zu bilden, die nicht nur eine verwaltungsmäßige, sondern auch eine politische Verantwortung trage. Später soll an seine Seite ein Volksrat treten, der sich aus Vetretern der Länderparlamente zusammensetzt.

 

Zu den außenpolitischen Fragen erklärte Ministerpräsident Geiler, daß er gegen eine Abtrennung des Saargebietes sei. In jedem Falle solle eine Abstimmung erfolgen. Ministerpräsident Hoegner glaubt, daß durch Gebietsabtretungen keine politischen Fragen mehr gelöst werden können.

 

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