Stuttgarter Zeitung vom 7. September 1946, Titelseite




Klare Sprache

 

Von Karl Ackermann

 

Die Überraschung über den unvermutet raschen Besuch des Außenministers der Vereinigetn Staaten in Stuttgart ist der noch größeren Überraschung über seinen eindeutigen und zupackend formulierten Vortrag gewichen. Die Worte, die Außenminister James F. Byrnes in Anwesenheit der höchsten Spitzen der amerikanischen Besatzungsmacht und der deutschen Behörden der amerikanischen Zone sprach, waren nicht so sehr ein allgemeiner Stand der deutschen Besatzungspolitik, als vielmehr ein klar umrissenes Programm der Absichten der amerikanischen Regierung in bezug auf Deutschland.

 

Dieses Programm erhält seine besondere Bedeutung auf dem Hintergrund der Pariser Konferenz, der Minister Byrnes noch Anfang der Woche beiwohnte, und auf der die Frage Deutschland das unausgesprochene Thema sämtlicher Debatten und Kontroversen und zwischen den Vertretern der Vereinten Nationen war. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Proklamation des amerikanischen Außenministers in einem ursächlichen Zusammenhang mit der plötzlichen Abreise des Sowjet-Außenministers Molotow am 31. August stand, waren doch diese beiden Politiker mehrmals als die beiden Gegenpole im Ringen um das Schicksal Deutschlands und Europas in Erscheinung getreten. Man erwartet daher allgemein, daß zu den Stuttgarter Thesen von Byrnes der sowjet-russische Außenminister Stellung nehmen wird. [...]

 

Byrnes, als maßgeblicher Ratgeber der großen historischen Konferenzen der letzten Jahre und damit einer der unmittelbaren Paten des Potsdamer Abkommens, bekräftigte daher in seiner Rede, daß die Lebensfähigkeit Deutschlands die unabdingbare Grundlage der gegenseitigen Verständigung unter den drei großen Partnern gewesen sei. Infolgedessen könne die Lebensfähigkeit nicht dadurch in Frage gestellt werden, daß man dem deutschen Volke unmögliche Härten aufbürde, es könne lediglich von ihm verlangt werden, die Härten zu teilen, die die Nazi-Aggression dem Durchschnitts-Europäer auferlege. Es war für uns als Deutsche außerordentlich erfreulich zu hören, daß uns die Möglichkeit nicht genommen sein sollte unser Los zu verbessern, und daß uns auch die industrielle Entwicklung und der industrielle Fortschritt nicht verweigert werde. [...]

 

Was aber für uns über alle Maßen bedeutsam ist, und in diesem Sinne diese Rede zu einem historischen Dokumentersten Ranges stempelt, das ist die Feststellung, daß es jetzt an der Zeit sei, Deutschland die Hauptverantwortung für die Behandlung seiner eigenen Angelegenheiten zu übertragen, und daß man dem deutschen Volke unverzüglich die wesentlichen Freidenbedingungen klar machen sollte. [...]

 

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